48-Stunden-Segel-Törn

alte Version: V 1.3 vom 14.07.09 letzter Update 17.07.09 ©2009

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Ostsee-Törn 2009

 

Endlich Segeln!

Hurra – endlich 3 Tage frei! Bei meinem letzten geplanten Törn passierte Folgendes:
6:00 Uhr Aufstehen, packen, 7:00 Uhr Boot klarieren, 8:00 Uhr ablegen und Gedser ansteuern.
9:00 Uhr ca. Höhe Warnemünde dann ein Anruf: „Hallo Thomas, wo steckst du gerade?“
Ich: „Auf der Ostsee (na ja fast)“. Anrufer: „Mach kein Sche…“. Ich: „Doch, ehrlich – schön, nicht wahr ;)“.
Anrufer: „Nee, überhaupt nicht schön – hier warten ein paar Leute auf dich…“ usw.
Nach einer 180-Grad-Kehrtwende war ich dann um kurz nach Zehn gutgelaunt am arbeiten… ;((

Nun jedoch war es Abends um Acht und die Gefahr, dass jemand anruft, war relativ gering…
Ich wollte in den nächsten Stunden und Tagen einen Törn, der mich etwas forderte. Also begann ich mit einer Nachtfahrt…

 

Törn – Route

  • Rostock, Marina Stadthafen (Heimatliegeplatz)
  • Gedser, Yachthafen
  • Fehmarn, Yachthafen Burgtiefe
  • Rostock, Marina Stadthafen (Heimatliegeplatz)

 

Start: Nachtfahrt Rostock-Gedser

Ich staunte nicht schlecht: Meine Verpflegung für maximal vier Tage sprengte gerade die 100-Euro-Marke. Irgendwie hatte ich wohl meine Vorstellungen dieses Törns nicht richtig in Zahlen umrechnen können. Egal, verhungern (und verdursten) würde ich wohl auch nach zwei Wochen auf See nicht. Das ganze Zeugs schleppte ich dann noch auf’s Boot, inklö. diverser Kanister Diesel. Mittlerweile nahte die Dämmerung und ich musste zusehen, dass ich los kam. Den Sonnenuntergang wollte ich ja schließlich auf See mitnehmen und bis dahin waren es noch 5 Meilen unter Motor. Um halb Zehn warf ich die Leinen los und schaukelte bei fast null Wind los. Das Wetter war gut und auch angenehm warm. Die Nacht konnte kommen. In Warnemünde angekommen, war die Sonne leider schon verschwunden. Das schöne Licht und die ruhige Stimmung waren jedoch noch vorhanden und es war lustig, dass alle anderen Freizeitskipper genau in die andere Richtung unterwegs waren. Nach einer Meile auf See war ich quasi allein. Nur die Berufsschiffer sollten mich die ganze Nacht wach halten.

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Der aufgezogene Mond versprach eine helle Nacht – aber daraus sollte nichts werden. Das wusste ich aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht und so ließ ich weiter die Maschine laufen, da der Wind nun völlig eingeschlafen war. Den Windprognosen nach, sollte der Wind erst in der zweiten Nachthälfte wieder zulegen.

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Der Diesel tuckerte also vor sich hin und ein oder zwei Stunden nach Mitternacht erreichte ich die Kadet-Rinne. Dieses Verkehrstrennungsgebiet ist am Tage recht gut befahren. Ich ging davon aus, dass nachts etwas Ruhe dort einkehrt – weit gefehlt! Ich zählte in dieser Nacht 36 große Pötte, die manchmal schon kurios beleuchtet waren. Der Himmel zog sich zu und Regen setzte ein. Auch etwas Wind kam dazu. Der Regen gefiel mir überhaupt nicht, lullte er mich doch auf See ganz schön ein und eben noch sichtbare Dampfer verschwanden hinter einer Wand aus Wasser. Ich starrte angestrengt durchs Glas und schätzte die Kurse der Großen. Die wie Weihnachtsbäume beleuchteten Fähren und Kreuzfahrer waren kein Problem (außer dass ich kaum die Backbord- und Steuerbordlichter erkannte zwischen den ganzen Leuchten), die langen Tanker und andere Großschiffe, die wie Geisterschiffe ohne weitere Beleuchtung durch die See pflügten ließen mich wach bleiben. Ansonsten war es dunkel, wie im…

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Drei Kreuze später hatte ich die Kadet-Rinne hinter mir gelassen und lief nun schnurstraks auf Gedser zu. Irgend jemand knipste auch das Licht wieder an und die Lage entspannte sich. Meine Wachablösung war leider nicht vorhanden, so dass nun ein starker Kaffee angesagt war. Der Wind nahm zu und der Motor konnte aus bleiben. Die erste Tonne vor Gedser begrüßte mich um kurz nach halb Fünf. Die Müdigkeit übermannte mich und ich sah zu, dass ich in den Yachthafen kam.

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Der Wind blies nun stärker aus Richtung West, so dass ich beim Anlegen auch noch Seitenwind hatte. Leider strolchte morgens um kurz vor Sechs keiner auf dem Steg herum, so dass ich alleine klar kommen musste. Zudem waren fast alle Liegeplätze auch noch belegt. Die erste Etappe war geschafft und ich war ordentlich müde nach einem anstrengenden Tag und einer langen Nacht auf See.
Ich fiel in Koje und stellte keinen Wecker.

 

Gedser – Fehmarn

Die Sonne blinzelte jedoch schon um Zehn wieder durchs Kajütfenster und schickte sich an, die Kajüte ordentlich aufzuheizen. Was soll’s, ich stand auf und schlenderte erst einmal durch den Hafen. Eine nette Dänin versorgte mich dann noch mit den aktuellsten Wetterinformationen. Der Hafenmeister war leider weit und breit nicht zu sehen. Alles war verrammelt. Nix mit frischen Brötchen.

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an die Leinen gelegt

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da fummelt die Dänin am Wetter rum…

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jetzt sind schon alle unterwegs

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Gedser Yachthafen

Ich überlegte, was mein nächstes Ziel sein könnte und stöberte im Hafenhandbuch. Die dänischen Häfen waren entweder zu nah oder zu weit weg, um danach auch noch nach Hause zu kommen. So viel meine Wahl auf Fehmarn. Schließlich begann dort alles. Ich legte mich also auf Burgtiefe fest und warf die Leinen los. Es war schon 11 Uhr und ich musste mich beeilen, um noch bei Tageslicht dort einlaufen zu können. Die Windprognosen standen aber nicht schlecht. Gleich nach der Abfahrt frischte es auch auf und eine schöne Welle stand vor der Hafeneinfahrt. Der Wind kam aus Westsüdwest und die Nadir läuft nicht genug Höhe, so dass ich den direkten Kurs nicht anlegen konnte. Zwischen den großen Windmühlen wollte ich auch nicht herumsegeln, so dass ich erst einmal Kurs Süd nehmen musste. Es war kein ruhiger Kurs und ich schon ganz schön Lage. Dadurch kam ich erst am frühen Nachmittag zu meinem Frühstück. Die meiste Zeit war schönes Segelwetter und die Sonne schien. Erst zum Abend hin verdunkelte sich der Himmel und eine große Gewitterfront zug über mich hinweg. Es goß in Strömen und die Böen erreichten Bf6. Der Wind drehte sich ständig im Kreis. Ich nahm die Segel herunter und ließ mich ein paar Meilen vom Yanmar und dem Autopiloten chauffieren. So konnte ich auch mein zwischenzeitlich zubereitetes Chili Con Carne genüßlich verschlingen. Der Tag war Erholung und Spannung zugleich.

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das Flach vor Gedser

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viel Platz war vor dem dicken Pott nicht

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ganz schön was los

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lesen und kochen war angesagt

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den Topf lieber noch gesichert

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die Tropfen schlugen regelrecht ein

 

Nach der großen Husche kam auch schon Burgtiefe in Sicht und ein schöner Sonnenuntergang war die Belohnung des Tages (neben dem Sundowner im Hafen ;). Ein freundlicher Segler nahm meine Leine im Hafen entgegen und der Tag klang ruhig im Cockpit bei einem Wodka-Lemon aus. Hatte ich mir verdient…

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Fehmarn – Rostock

Frische Brötchen, ein guten Morgen beim Hafenmeister, frisch geduscht – der Tag begann gut. Nur mein Wasserfilter machte Spirenzchen. Die kleine Dichtung unter der Schraube war undicht. Natürlich gab es nur ganze Deckel und nicht einzelne Dichtungen zu kaufen. Frühstücken wollte ich auf See, denn es war mittlerweile schon halb elf und die Strecke nach Rostock in den Stadthafen betrug 40 Meilen.

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Der Tag sollte spannend werden und das zeigte sich schon bei Hafenausfahrt. Der Winde frischte auf (Bf5) und ich konnte direkten Kurs auf Rostock anlegen. Bei der Lage kippte nur leider immer die Marmelade vom Tisch und der Kaffee schwappte auch einige Male durch die Gegend. Irgendwann merkte ich dann, dass meine Windsteueranlage mächtig auf die Pinne drückte und ständig am Anschlag hantierte. ich hatte also zuviel Ruderdruck und sollte Segelfläche herunter nehmen. Ich nahm jedoch erst einmal die Pinne in die Hand und merkte dann, dass es zu spät war. Die Nadir schoss in den Wind, das Ruder zeigte keine Wirkung mehr. Ich band ein Reff ins Groß aber die Situation wurde nicht merklich besser. Die Böen (Bf6) konnte die Anlage bei der gesetzten Genua nicht aussteuern. Leider hat meine Genua keine Reffmöglichkeit, so dass ich sie herunter nehmen musste. Ich kramte meine Sturmfock heraus (ein lächerlich kleines Ding) und baumte sie einfach aus, denn der Wind hatte zwischenzeitlich gedreht. Die Ursache – eine schöne Gewitterfront – war auch schon lange zu sehen. Nur mit Sturmfock und gerefftem Groß verlor ich kaum an Geschwindigkeit und lief immer noch 5,5 Knoten (sonst ist bei 6 Knoten auch Schluss). Die Windsteueranlage kam nun gut zurecht und ich konnte endlich weiter frühstücken (soweit dass bei dem Rollen dann noch ging). Die Front brachte viel Regen und das auch noch von hinten. Ich verbarrikadierte mich hinter dem Steckschott und hatte meine Wetterklamotten tief ins Gesicht gezogen. Nach einer Stunde war der Spuk vorbei und ich konnte wieder mehr auftuchen.

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Im Hafen wollte ich meine Flaggenleine neu einfädeln, hatte es aber vergessen. Jetzt bei schönem Sonnenschein, wenig Verkehr und gleichmäßigem Wind war eine gute Gelegenheit, sie hoch zu bringen. Ich knüpfte meine SKT-Ausrüstung in den Mast und stieg auf. Die Schaukelei da oben ist schon beträchtlich, macht aber Spaß. Mit der SKT-Ausrüstung bin ich auch innerhalb von Sekunden wieder unten, so dass kein Problem entstehen kann. Ich fädelte die Flaggenleine ein und hab noch einen kleinen Filmschnipsel belichtet.

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zügig geht’s voran

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an der Saling

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die Windpilot hält den Kurs

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schlanke Linie

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selbst mit Sturmfock schnell genug

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immer wieder Regen

Hier ein kurzer Filmschnipsel von unterwegs und im aufgeenterten Mast 😉

 

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Die durchziehenden Fronten rüttelten ab und an heftig am Boot und deckten mich mit Schauern ein. Insgesamt war es ein spannendes Segeln. Pünktlich gegen 20 Uhr lief ich in den Stadthafen ein. 48 Stunden nach dem Start meines Törns hatte ich 120 Meilen im Kielwasser gelassen, eine Nachtfahrt erlebt, genug Wind und Wellen gehabt und zwei Häfen angelaufen. Genau so hatte ich es mir vorgestellt.

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Ich wünsche allen Skippern immer eine handbreit Wasser unter dem Kiel!

 

  2 comments for “48-Stunden-Segel-Törn

  1. Sascha
    4. Juni 2015 at 10:36

    Schöner Bericht. Insbesondere der Teil den Mast zu entern. Hättest Du Lust (D)ein Klettersystem für Segler etwas genauer vorzustellen? Wäre sicherlich für viele Leute nützlich, die hemdsärmelige Methode mit einer Person an der Winsch ist ja dann doch ganz schön schwierig und kräftezehrend für beide Beteiligten…

    Danke und Gruß aus Berlin

    Sascha

    • vesab
      5. Juni 2015 at 23:00

      Hallo Sascha,

      danke!
      Die Nutzung des Klettersystems sollte erlernt werden. Die Sachen kommen aus dem Bereich Seilklettertechnik und bei falscher Nutzung stürzt man einfach sehr schnell ab, da es keine Paniksicherung gibt bei meinem System. Einschlägige Seilkletterläden können da aber weiterhelfen und bieten auch entsprechende Kurse/Einweisungen an.
      In der Rubrik SKT hier auf der Seite sind alle Materialien bereits dargestellt.

      Schöne Grüße
      Tom

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