the Leica as teacher

Das Experiment – the Leica as teacher.

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Das Experiment

Ich habe den Artikel von Mike Johnston gelesen: The Leica as Teacher.
Er beschreibt hier folgendes Vorgehen:
Man nehme eine Leica, eine Festbrennweite und einen SW-Film seiner Wahl. Keinen Farbfilm, keine weiteren Kameras oder Objektive. Die Leica wird jeden Tag mitgenommen und in der Woche sollten sechs Filme belichtet werden (mindestens aber zwei). Es sollte möglichst viel Zeit mit Fotografieren verbracht werden. Also üben, üben und nochmals üben. Von den Filmen werden jede Woche einige Arbeitsabzüge erstellt (ca. ein bis sechs Abzüge pro Film) und ab und zu auch mal ein größeres Format. Dabei sollen die Bilder nicht verändert, sondern so wie sie aus der Kamera kommen abgezogen werden. Das Ganze dauert ein Jahr! Nach einem Jahr kann man ein Resümee ziehen. Hat sich der Stil verbessert? Macht analoges Fotografieren Sinn?

 

Hier ein Auszug:

„At the end of your year, sell the Leica and go back to doing whatever you really want to do, whether it’s full-frame digital or a digicam and Potatochopping or whatever it is. I guarantee you will be a much better photographer after you finish the year than you were before you started. You just will be. It’s a promise.

I’m not trying to be didactic or contrarian or provocative here. What I say is simply true.“

Mike

 

Hier geht es zum Verlauf des Experiments.

The Leica as Teacher – ein Kunstexperiment

Das schrieb ich im Januar 2010: Am 01.01.2010 habe ich angefangen. Eine Leica (MP), ein Objektiv (Summicron 50) und SW-Film (TMax 100 und 400). Ich werde ein Jahr nur diese Ausrüstung benutzen, so viel wie möglich. Zehn Filme sind im ersten Monat belichtet. Es werden sicher mehr demnächst. Bisher bin ich noch nicht zufrieden mit den Ergebnissen. Ich bin gespannt auf das Jahresende! Ab April habe ich das Summicron gegen ein Summilux getauscht, weil es eine Blende weiter öffnet (größte Blende 1.4). Die Brennweite blieb natürlich gleich (50mm).

Jeden Monat erfolgt eine Auswahl von sechs Bildern. Ich werde jeden Monat während dieser Zeit also sechs Aufnahmen zeigen. Die Auswahl erfolgt durch mich und ist daher sehr subjektiv (wie alles bei diesem Experiment).

 

Warum eine Leica?

In dem Artikel beschreibt Mike, warum die Leica. Auf den Punkt gebracht: Wenn nach einem Jahr die Leica dann doch wieder verkauft wird, hat sie keinen oder nur einen marginalen Wertverlust gehabt. Hier sein statement dazu: Why It Has To Be a Leica.

Das war die Ausgangslage. Nach einem Jahr konnte ich ein Resümee ziehen, denn ich habe dieses eine Jahr das Experiment vollständig umgesetzt. Hier meine Auswertung.

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Leica MP

 

Fazit: Ein Jahr Experiment: The Leica as Teacher.

Viele haben es nicht geglaubt. Es gab sogar Internetseiten, die die aufgegebenen Experimente aufgelistet haben. Dabei ist es nicht sonderlich schwer, ein Jahr lang nur eine Kamera und ein Objektiv zu benutzen – ok, die analoge Geschichte dabei ist dann doch noch etwas Anderes.

Ich möchte hier einige Gedanken aufschreiben, die ich mitgenommen habe aus diesem Experiment. Ein wenig möchte ich dies trennen in die Kamera, die Filmentwicklung und in meine Einstellung evtl. auch Änderungen bezüglich der Fotogrfafie.
Eines vorweg: Kann ich nur jedem empfehlen und hat mir persönlich sehr viel gebracht.

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Die Kamera

Das Experiment sollte mit einer Leica M durchgeführt werden, was mich angesichts der Preise erst einmal geschockt hat. Dazu ist die Leica eine Messsucherkamera – mit so Etwas hatte ich bisher fast nicht zu tun gehabt. Ich fotografierte bis dato fast ausschließlich mit Spiegelreflexkameras, die Letzte war eine digitale Canon 5D mit einigen L-Objektiven. Trotzdem wollte ich es wagen. Nach einiger Internetrecherche kristallisierte sich heraus, dass ich wohl erst einmal so ein Teil in die Hand nehmen sollte, bevor ich 1000 Euro plus Objektiv auf den Tisch lege. Eine Fahrt nach Hamburg brachte mich dann zum ‚Leica-Meister‘ und ich konnte einige Leicas bestaunen. Als Erstes fiel mir das doch sehr hohe Gewicht der Leica auf, das Zweite war der Messsucher der M6, die ich in der Hand hielt. Gar nicht so einfach dachte ich – dies sollte eine ganze Zeit so bleiben. Eine zufällig vorhandene gebrauchte Leica MP nahm ich dann auch noch in die Hand. Sie sollte mehr als das Doppelte der M6 kosten. Zwei Kaffee später war der Entschluss gefasst: die MP und ein 50er Summicron sollten es werden. Was ich da genau tat, wusste ich allerdings nicht. Nur eines tröstete mich: die Leica-Teile verlieren nur ungern an Wert, also sollte sich eine Fehlinvestition in Grenzen halten. Die geschmeidige Mechanik der MP war aber auch schon ohne Bilder ein tolles Teil.

Nun ja, die Leica war analog – also fehlten da noch ein paar Filme, die ich mir über den Onlinehandel besorgte. Es war ein schönes Gefühl, die 20er Packung Tmaxe in der Hand zu halten – alte Erinnerungen kamen hoch. Wer Film einlegen einmal gelernt hat, der vergisst das nicht mehr. Die Leica bekam einen TMAX 100 verpasst und es konnte los gehen. Daneben kam noch ein Belichtungsmesser zum Einsatz, denn ich traute der Belichtungsmessung anfangs nicht über den Weg. Später merkte ich, dass der Belichtungsspielraum der sw-Filme doch sehr groß war und das Schätzen der Belichtung auf eine Blendenstufe genau ist heute für mich kein Problem mehr.

Ich mühte mich redlich, doch das Scharfstellen mit dem Messsucher geht halt nicht so schnell, wie mit einem AF. Also Zeit lassen und bei schnellen Bildern eben die Entfernung vorher schätzen und so einstellen, dass der scharfe Bereich um diese Entfernung zu liegen kommt. Bis heute bleiben dabei unscharfe Bilder nicht aus. Das zwingt zu einer ruhigen Scharfstellung und hilft die Schnellschüsse zu vermeiden. Wenn es sehr dunkel ist, lässt sich mit dem Messsucher jedoch auch noch gut scharf stellen und so langsam habe ich mich an den Schnittbildentfernungsmesser gewöhnt. Da ich ein 50er Objektiv gewählt habe, ist es mit dem Tiefenschärfebereich ja nicht weit her. Bei dem 35er oder gar 28er Objektiv sieht das ganz anders aus. Das habe ich aber erst letzte Woche erfahren dürfen. Das wiederum hat meine Entscheidung im Nachhinein bestätigt, ein 50er zu nehmen, denn mit diesem Objektiv muss man ordentlich scharfstellen.

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Die Kombination aus dem hochgeöffneten 50er Summilux, welches ich mir ein paar Monate später kaufte und der Leica M, welche bis zur 1/8 Sekunde noch handhabbar ist, eröffnete mir mit dem 400er Film jede Menge Möglichkeiten. Ohne Stativ waren nun auch nächtliche Szenen machbar und das ohne farbiges Pixelrauschen. Ok, es war natürlich sw – aber in einer guten Qualität.

Zum Anfang war es ungewohnt, die Kamera immer dabei zu haben – nach einigen Monaten hatte ich mich dran gewöhnt und es nicht mehr als störend empfunden, wenn ich in der Mittagspause meine Kamera auf dem Tisch zu liegen hatte. Wenn Fragen kamen, ging es meist eh nur um die ungewöhnliche Kamera. Was ich daraus aber lernte, war der Umstand, dass man immer die Möglichkeit hat ein Foto zu schießen. Viele Möglichkeiten zu guten street-Fotos (was immer das auch ist) gehen sonst an einem vorbei. Ich habe mich ein paar mal dabei erwischt, wie ich mich ärgerte, wenn ich die Kamera doch einmal nicht dabei hatte. Diese neue Angewohnheit werde ich wohl in nicht ganz so verschärfter Form beibehalten, vor allem, wenn ich Neuland betrete.

Fazit zur Kamera: Die MP ist einer meiner besten Kameras, die ich je hatte und ich werde sie auf keinen Fall wieder hergeben. Zusammen mit dem 50er Summilux und einem 28er Elmarit nin ich für meine Ambitionen ausreichend ausgestattet und werde sie weiterhin intensiv nutzen. Zum Glück habe ich mich gleich für die MP entschieden. Ich würde es immer wieder so tun!

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Die Filmentwicklung

Nichts ist mehr digital – das war eine komplette Umstellung. Eine Dunkelkammer musste her, denn ich war ja komplett auf den digitalen Prozess eingerichtet. Da ich etwas Platz hatte, konnte ich sogar eine fest eingerichtete Dunkelkammer betreiben. Die Preise für Laborartikel waren seit Jahren im Keller, so dass ich eine schöne Einrichtung für relativ wenig Geld bekam. Trotzdem lepperte sich da etwas zusammen, denn einen guten Vergrößerer mit vernünftigem Objektiv bekommt man nicht hinterher geworfen. Auch die Trommelentwicklungsmaschine wollte bezahlt werden und ein Trockner macht das leben im Labor leichter. Hier ein paar Kleinigkeiten und dort etwas Zubehör – nach einiger Zeit hatte ich eine schöne Dunkelkammer und nach dem Einstesten der Filme und Geräte lief alles reibungslos. Heute habe ich immer noch den alten Vergrößerer und dazu ein Autolab 500, was die Arbeit sehr vereinfacht aber auch sehr wartungsintensiv ist. Gerade gestern ist wieder eine Pumpe verabschiedet worden – basteln muss man also auch mögen. Mit der guten alten Dosenkippmethode wäre es aber auch gegangen. Die Dunkelkammerarbeit macht jedenfalls Spaß und das hantieren mit der Chemie wird wohl ihren Zauber nie verlieren, denn wenn aus etwas Licht, Papier und Chemie ein Bild entsteht ist das schon ein spannender Prozess. Leider kosten Chemie und Papiere auch Geld, so dass ich heute Hybrid arbeite und nur von schönen Bildern auch Abzüge herstelle. Ich verarbeite die Negative in der Dunkelkammer und für’s Netz scanne ich die Negative mit einem Filmscanner. Das geht relativ problemlos und schafft auch mit preiswerten Scannern noch akzeptable Ergebnisse. Ausdrucke habe ich nicht ausprobiert und danach steht mir auch nicht der Sinn – wenn ich einen Papierabzug brauche, werden die Schalen angesetzt.

Fazit zur Filmentwicklung: Ich finde diese Arbeit sehr entspannend, vor allem, weil man handwerklich tätig ist und den kompletten Prozess analog gestalten kann. Ich werde weiterhin dabei bleiben und mein Labor nach und nach noch verbessern.

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Die Fotografie

Hat sich nun etwas verändert in meiner Fotografie? Ich würde sagen: ja.
Ich sehe viele Bilder ganz anders und vor allem unter Gesichtspunkten, die ich vorher nie beachtet habe. Das sind nicht einmal so sehr die technischen Eigenschaften eines Bildes, sondern eher die Bildaussage und der Bildaufbau. Schärfe, richtige Belichtung oder auch der Kontrast sind etwas in den Hintergrund gerückt. Die Situation im Bild ist für mich entscheidender geworden, das Bild muss eine Aussage haben (für mich). Durch die erstmalige Beschäftigung mit der street-Fotografie habe ich gemerkt, dass ich zwanzig Jahre eher statische Elemente fotografiert habe und diese oft auch noch langweilig waren. Klar, tolle Landschaften, grafische Bilder, Tiere und Pflanzen haben ihre Berechtigung – das was Fotografie für mich erst wieder so richtig interessant gemacht hat, waren die Menschen. Sich bewusst damit auseinander zu setzen, wie man Menschen fotografiert, ohne dass diese anfangen zu posen und welche Aussage das Bild dann haben wird, war für mich eine der grundlegendsten Erkenntnisse dieses Experiments. Dass diese Fotografie sich nicht immer mit den heutigen Gesetzten deckt, war eine weitere Erkenntnis, die mich aber weniger beeinflusst hat (ich finde es nur schade, kann es aber verstehen). Das Erkennen einer außergewöhnlichen Situation auf der Straße und die Umsetzung in einem Bild ist eine sehr schwierige Aufgabe, die sich nicht in einem Jahr lernen lässt. Aber genau das ist äußerst interessant und sehr spannend. Ich habe innerhalb des Jahres viele Fotografen kennen gelernt, ob aus Büchern, per Netz oder persönlich und war erstaunt, wieviele gute Arbeiten existieren – man muss nur danach suchen. Die street-Fotografie ist schwer und immer eine Herausforderung und auch aus diesem Grund werde ich sie weiter verfolgen.

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Meine Schwerpunkte in der Fotografie haben sich eindeutig verschoben, mein Verständnis von Fotografie hat sich stark gewandelt. Es lag sicher auch daran, dass ich mich viel intensiver mit den unterschiedlichen Gesichtspunkten beschäftigt habe, angefangen mit der Geschichte der Fotografie und vor allem mit den Fotografen des letzten Jahrhunderts und der aktuellen Zeit. Viele Bücher haben mir gezeigt, dass es mehr gibt als technische Raffinessen bei der Bildherstellung, tolle Kameras oder perfekte EBV-Techniken.

Ein deutliches Ergebnis war auch die Erkenntnis, dass die Technik nur eine kleine Nebenrolle spielt. Für den jeweiligen Einsatzzweck braucht man natürlich die Technik, die es möglich macht, seine Bilder zu fotografieren. Aber das letzte Quentchen Schärfe oder Vignettierungsfreiheit sind doch eher ein Trugschluss als eine Hilfe. Das hat aber auch für mich die Erkenntnis gebracht, dass eine Leica zwar schön aber nicht notwendig ist. Interessant ist dabei auch meine Schreibe in Foren, da diese doch einen Wandel hin zu Bildbesprechungen und vor allem das Ansehen von Bildern gemacht hat. Klar gibt es auch bei mir noch technische Diskussionen, denn ich brauche vor allem die digitale Technik für meine Arbeit und ich mag hochwertige Fototechnik als Ingenieurskunst.

Fazit zur Fotografie: Ich bin froh, dieses Experiment durchgeführt zu haben und bedanke mich bei Mike für seinen Vorschlag. Es war das Beste, was mir in meiner fotografischen (Hobby)-Laufbahn passieren konnte und ich habe viel gelernt. Das doch vorhanden Tief in diesem Hobby vor einem Jahr und eine größer werdende Lustlosigkeit hat sich in Luft aufgelöst. Was ich mal wieder festgestellt habe: Man muss es nur tun – dann aber richtig!

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Wie geht es weiter?

Wie bisher. Einfach fotografieren, viel sw, viel analog, viel street. Ein neues Objektiv werde ich ausprobieren (das 28er) und mal einen anderen Entwickler. Ich werde mein ATL mal überholen und endlich mal wieder schöne Abzüge entwickeln. Die digitale Canon 1Ds wird für die obligatorischen Familienfotos auf größeren Festen und für die Kalenderfotos herhalten müssen 😉
Ansonsten werde ich den Diafilm wiederbeleben und freue mich schon auf die ersten Diaschauen mit meinem alten Kodak Ektapro – und wenn es nur für mich ist… (hab ich bis heute aber nicht geschafft).

Mit Schneesturm, verschneiten und geschlossenen Straßen hat das Experiment begonnen – mit einem Winterbild soll es zu Ende sein. Ich bedanke mich bei allen Lesern für die vielen Zuschriften und die Hilfe bei meinem Experiment!

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Das Experiment in voller Länge folgt demnächst.

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